Island-Trekking #3: Im Bann des Dettifoss

Morgens werden wir quasi von einer Rangerin geweckt, die das Geld für die Übernachtung eintreibt. Kostenlose (legale) Zeltmöglichkeiten gibt es hier nämlich leider nicht, da Wildcampen verboten ist. Der Unterstand mit fließendem Wasser ist aber natürlich auch etwas wert und der Zeltplatz kaum frequentiert, insofern ist dieser Umstand nicht allzu schlimm. Durch einen genügend frühen morgendlichen Aufbruch ließe sich ziemlich sicher sogar die Gebühr effektiv auf 0 reduzieren, was für diejenigen von Interesse sein könnte, die sich keinen gehobenen moralischen Standard leisten wollen.

Beim Müsli-Frühstück stellt sich heraus, dass Milchpulver aus der Babynahrungsabteilung absolut nicht für Erwachsene geeignet ist: Es ist zwar leichter zu bekommen als „richtiges“ Milchpulver, schmeckt aber nicht anders als wenn man sich die Pulsadern aufschneiden würde um das Müsli mit seinem eigenen Blut zu essen. Vermutlich enthält es eine Eisen-Überdosis. Das Zeug landet gleich in der Tonne! Ein weiteres kleines Ärgernis sind die Scharen von isländischen Touristen, die nun, nicht einmal wandernd, sondern mit ihren dicken Karren auf dem Parkplatz ankommen. Lustigerweise treffen wir aber auch eine ältere Isländerin, die sich freut, mit uns Deutsch sprechen zu können und mit uns über das Wetter plaudert. Dem Rest der Menschenmasse entkommen wir jedoch glücklicherweise schnell durch unseren Aufbruch.

„Karl og Kerling“.

Noch mehr merkwürdige Felsformationen.

Die heutige Etappe führt auch schon zum Dettifoss, dem Ziel des Treks und Europas stärkstem Wasserfall. Sie ist mit 18 Kilometern die längere der beiden und verläuft die ganze Zeit entlang des Flusscanyons.
Zu Beginn geht es durch eine Landschaft aus schwarzem Sand, mit rostbraunen Felsen, die man auf der anderen Seite des Flusses im Blick hat. Sehr bald gelangt man zum ersten Highlight des Tages, zwei riesigen versteinerten Trollen mitten im Fluss. Nun ja, zumindest handelt es sich um zwei riesige Steinsäulen mit dem Namen „Karl og Kerling“ (deutsch „Greis und Greisin“) und der Name basiert ja sicher auf einer wahren Begebenheit, oder?

Von dort folgen wir weiterhin dem Lauf des Flusses, auf der Klippe oberhalb. Das Wetter ist ähnlich wie gestern eher durchwachsen und geprägt von tief hängenden Wolken und Nieselregenschauern, sodass die Regencapes eigentlich im Dauereinsatz sind.
Bald machen wir einen kleinen, beschilderten Abstecher nach „Gloppa“, wo ein weiteres natürliches Werk der Steinarchitektur zu begutachten ist: Ein glasloses Fenster im Basaltgestein, man könnte auch sagen: ein Loch, doch ist diese Bezeichnung unserem Wanderführer wohl zu profan. Hierdurch hat man einen Blick hinab auf den Fluss. Wirklich beeindruckend ist diese Stelle eigentlich nicht, doch ein geeigneter Ort für eine kurze Pause allemal.

Die erste Furt.

Entlang von Felswänden.

Unmittelbar danach gelangen wir an die einzige Furt dieses Treks, wobei wir allerdings zuerst die Abzweigung nach unten zum Fluss hin verpassen; die Wegmarkierung ist an dieser Stelle nicht sehr klar zu sehen. Zu durchqueren ist allerdings nur ein kleinerer Nebenstrom, nicht der Gletscherfluss selbst, und so gestaltet sich diese Furt wirklich sehr einfach; sie ist sogar barfuß gehbar, da der Boden aus Sand besteht. Ab hier weitet sich das Tal zu einem grünen Pflanzendschungel. Hier gibt es bald außerdem einen etwas längeren ausgeschilderten Abstecher durch eine seltsam anmutende Lava-Mondlandschaft, die sehr sehenswert ist, aber den staunenden Wanderer leicht auf Irrwege führt: Nach einer Weile stellen wir fest, dass wir unerklärlicherweise im Kreis gelaufen sind und die eigentliche Fortsetzung der Etappe völlig aus den Augen verloren haben.

Nach diesem unfreiwilligen Exkurs finden wir schließlich doch noch den Hauptweg (bzw. einen der beiden, denn hier gibt es zwei Alternativwege) wieder, der nun über hölzerne Brücken kreuz und quer zwischen zwei sehr langgezogenen, bachähnlichen Wasserfällen ansteigt. Ein bisschen fühlt man sich wie in einem großen verwunschenen botanischen Garten. Am Ende dieses Abschnitts landen wir wieder oben auf der Klippe bei einem Parkplatz, wo sogar eine Buslinie vorbeifährt. Wir verlassen jedoch schnell wieder diesen zivilisatorischen Fremdkörper in der ansonsten unberührten Natur und begeben uns hinein in die zweite Hälfte der Etappe.

Die Schlucht Jökulsárgljúfur.

Die üppige Vegetation, die bis jetzt noch allgegenwärtig war, weicht nun immer mehr der kargen felsigen Ödnis des isländischen Hochlandes: Bald ist das Bild nur noch geprägt von mächtigen Felsen und dem grauen Wasser des mächtigen Gletscherflusses, der uns unten in der Schlucht ständig begleitet. Ab und zu wird er unterbrochen von verschiedenen größeren und kleineren Wasserfällen, die schon einen kleinen Vorgeschmack geben auf den großen Bruder, der sie alle in den Schatten stellen wird. Doch die nächste zu erreichende Landmarke ist nicht der Dettifoss selbst, sondern der etwas kleinere Hafragilsfoss, der von Norden kommend zuerst erreicht wird.

Blaues Quellwasser vermischt sich mit den braunen Fluten des Jökulsá á Fjöllum.

Der Hafragilsfoss.

Kurz vor dem Hafragilsfoss teilt sich der Weg: Es gibt die anspruchsvollere Variante, die zum Hafragilsfoss hinab führt, um danach wieder auf die Klippe aufzusteigen, und den sogenannten „normalen“ Weg, der den Hafragilsfoss links liegen lässt und auf gleicher Höhe bleibt. Obschon wir nach der langen Wanderung bereits ein wenig erschöpft sind, fällt die Wahl natürlich nicht schwer und so finden wir uns bald bei der Überquerung eines Geröllfeldes an einem Steilhang wieder. Diese Passage ist technisch tatsächlich schon ein bisschen interessanter! Belohnt werden wir mit einer kleinen Bucht, deren Wasser eine ganz besondere Färbung aufweist: Das Wasser aus der Bucht bleibt getrennt vom Wasser des Gletscherflusses, sodass eine tiefblaue Fläche mitten in das Grau des Flusses hineinragt.
Außerdem führt dieser Weg uns direkt in den Sprühnebel des Hafragilsfoss, an den man näher herankommt als später an den Dettifoss und der so aus der Nähe auch schon wirklich beeindruckend ist. Bald darauf geht es auch schon wieder nach oben, wo wir wieder auf den ursprünglichen Weg treffen, doch zuerst wartet noch eine schöne kleine Kletterpartie an einem dort angebrachten Seil.

Jetzt sind wir dem Dettifoss endlich schon sehr nahe und die Landschaft verdüstert sich zunehmends: Wir laufen über schwarzen Sand in einer grauen Felswüste. Auch das langsam schwindende Licht des Tages trägt seinen Teil zur Dramatik dieser epischen letzten Meter bei. Das Donnern des gewaltigen Wasserfalls kündet schon von seiner Nähe, doch aufgrund der einbrechenden Dämmerung beschließen wir, ohne Umwege den Zeltplatz aufzusuchen und erst am nächsten Morgen dem Dettifoss unsere Ehre zu erweisen. Allerdings stellt das Auffinden besagten Platzes uns vor fast unüberwindbare Schwierigkeiten: Zwar haben hier überall in der Gegend um den Wasserfall Leute ihre Zelte aufgeschlagen, doch dies ist offiziell nicht erlaubt; der im Führer ausgewiesene Platz ist in der Realität nur schwer sichtbar ausgeschildert: Am Nordende des riesigen Bus- und Autoparkplatzes, der vom touristischen Wert des Dettifoss zeugt, gibt es einen kleinen, kaum zu sehenden Pfad, der noch gute 200 Meter weiter zu einer Wiese führt. Dort sind wir mit einem anderen Zelt die einzigen Übernachtungsgäste. Die Ausstattung ist hier im Vergleich zu Vesturdalur eher dürftig: Für das Plumpsklo muss man zurück zum Parkplatz laufen und die einzige Wasserquelle in der Nähe ist ein von Rangern befüllter Frischwassercontainer. Dieser wird auch gleich zu einer kurzen Waschung im eisigen Nachtwind genutzt, wonach wir schnell ins halbwegs warme Zelt flüchten und im Vorzelt den Kocher anwerfen.

Der Dettifoss – der König der Wasserfälle.

Der Dettifoss von oben.

Der Selfoss, der kleine Bruder des Dettifoss.

Am nächsten Morgen bleibt vor der Abfahrt des Busses, der uns zum Myvatn-See bringen wird, noch genug Zeit, den Dettifoss und auch den Selfoss ganz in der Nähe zu besichtigen. Schon von weitem kündigt sich der Dettifoss mit einer Wolke aus Gischt an, welche über der grauen Felsenlandschaft aufsteigt. Am Dettifoss selbst ist der Boden übersäht von Pfützen, die die Gischt des Wasserfalls gebildet hat. Man ist dauerndem Sprühregen und dem exzessiven Tosen der hinabstürzenden Wassermassen ausgesetzt, die, würde man sie durch ein Wasserkraftwerk jagen, so viel Strom erzeugten wie kein anderer Wasserfall Europas. Eine beeindruckende Naturgewalt! Natürlich sind wir hier leider nicht die einzigen, wenn auch sicherlich unter den wenigen, die es in echter Trekker-Manier hierher geschafft haben.
Der Selfoss ist dagegen eher beschaulich, aber da er nur ein kleines Stückchen weiter in Richtung Süden liegt, kann man ihn ja mal mitnehmen.

Fortsetzung folgt!

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