Island-Trekking #2: Auftakt des Abenteuers

Am nächsten Morgen müssen wir den Campingplatz früh verlassen, um nach einem Marsch durch die halbe Stadt unten in Hafennähe den Bus der Linie 641 (fährt nur einmal täglich) zu erreichen, der uns zum Startpunkt der Dettifoss-Tour durch die Schlucht Jökulsárgljúfur bringen wird. Glücklicherweise schaffen wir es trotz der gewohnten Aufbruchslangsamkeit der Gruppe gerade noch rechtzeitig und so sitzen wir bald im Minibus nach Ásbyrgi. Das Wetter ist eher düster und wir noch müde, doch so ein richtiges Busfrühstück mit nahrhaftem Skyr (die hiesige Version von Quark oder Joghurt) und echtem isländischen Käse lässt gleich alle Lebensgeister zurückkehren.

Nach einem kurzen Fotostopp am Goðafoss, bekommen wir am Hafen in Húsavík deutsche Gesellschaft durch eine Segelcrew, die den ganzen Weg von Hamburg bis hierher mit dem Schiff absolviert haben und jetzt auf einem kurzen Landgang die Insel erkunden wollen. Das wäre ja vielleicht mal ein Abenteuer für die nächste Islandreise… Außerdem steigt noch eine Gruppe Mädchen ein, die den sieben Zwergen nicht unähnlich sehen. Sie stellen sich als Pfadfinderinnen heraus, ebenfalls aus Deutschland. Offenbar sind sie mit einer Sammlung verschiedenster Instrumente wie Gitarren und Trommeln auf einer Art musikalischen Trekkingtour unterwegs. Statt mit Kronen bezahlen sie ihre Lebensmittel lieber mit pfadfinderischem Gesang, wie sie erzählen.

Das Ende der Hufeisenschlucht Ásbyrgi.

In Ásbyrgi, dem Startpunkt unserer Tour, steigen auch sie aus und machen sich gleich auf den Weg, während wir neben dem hier befindlichen Kiosk zunächst eine kurze Snackpause einlegen. Schon bald sind die Wichtel im Gänsemarsch in der Landschaft verschwunden. Wir folgen wenig später auf demselben Weg, der von der Straße weg Richtung Süden auf die Klippe ansteigt, die den östlichen Rand des vor uns liegenden hufeisenförmigen Canyons markiert. Unser Etappenziel ist der Zeltplatz Vesturdalur, der hier bereits ausgeschildert ist.
Oben von der Klippe hat man einen fantastischen Überblick über die weitgehend grüne Landschaft, die sich Richtung Norden bis ans Meer erstreckt. Im Tal ist noch der Campingplatz zu sehen und eine kleine Straße, die aber wie alle Straßen hier kaum befahren ist. Ansonsten sind so weit man blicken kann keine anderen Spuren menschlichen Daseins zu entdecken. Wir folgen weiter dem Rand der Klippe bis zum Ende der Hufeisenschlucht, von wo aus man noch einmal die Aussicht auf das gesamte Tal genießen kann.
Dann geht es weiter nach Süden und wir lassen die Schlucht hinter uns, um in eine Heidelandschaft einzutauchen, die von grün-bräunlicher Vegetation geprägt ist.

Heidelandschaft bis zum Horizont.

Die Schlucht Jökulsárgljúfur.

Mittlerweile haben wir auf Initiative von Max mit der opernreifen Darbietung sämtlichen Wander- und sonstigen Liedguts aus unserem reichhaltigen Repertoire begonnen. Als optimal für einen zünftigen Marsch erweist sich der heimliche Aufmarsch der deutschen Sängerlegende Ernst Busch, dessen Verstand leider der kommunistischen Ideologie zum Opfer fiel, was aber der motivierenden Wirkung seiner Lieder keinen Abbruch tut. Aber auch Titel wie die Moritat von Mackie Messer und „O alte Burschenherrlichkeit“ dürfen natürlich auf keiner Wanderung fehlen. Wer hier einen Hang zur Nostalgie zu sehen meint, hat vermutlich Recht, obwohl dieser Vorwurf von gewissen Gruppenmitgliedern vehement zurückgewiesen wird.

Nach einer Weile unermüdlichen Singens stehen wir schließlich plötzlich am Rand der gewaltigen Schlucht Jökulsárgljúfur, die den Gletscherfluss Jökulsá á Fjöllum beherbergt, der vom Dettifoss aus nach hier hinabfließt. Seinem Lauf werden wir von nun an folgen bis zu dem ersehnten Wasserfall, der alle europäischen Rekorde bricht (oder zumindest, wenn es um Energie geht)! Entlang dieses beeindruckenden Grand Canyons Europas setzen wir also unsere Wanderung fort.

Fremdartig aussehendes Lavagestein.

Schutz vorm Regen.

Das Wetter ist inzwischen unbeständiger geworden, alle 15 Minuten gibt es leichte Schauer, sodass langsam Kälte und Nässe unangenehm durch die Kleidung dringen. Vor uns sehen wir das nächste Highlight natürlicher Architektur: Ein sogenanntes Felslabyrinth. Diese merkwürdige Gesteinsformation aus Türmen vulkanischen Gesteins verfügt über eine außergewöhnliche Oberflächenstruktur, die jeden Geologen gleich in Verzückung geraten ließe. Doch auch für den weniger steinkundlich interessierten Trekker ist diese Felsenwelt ein beeindruckendes Wunderwerk des Vulkanismus. An einer Stelle kann man sogar zu einer kleinen Höhle hinaufklettern, die dem durchnässten Wanderer die Möglichkeit zu einer kurzen Regenpause bietet.

Weiter geht es auf einem kleinen Rundweg durch die Felsen, durch einen natürlichen Tunnel hindurch und schließlich zurück auf den Weg. Wenig später, am späten Nachmittag, erreichen wir den Parkplatz, der zum Zeltplatz Vesturdalur gehört. Abgesehen von ein paar wenigen Autos und ihren Insassen gibt es hier nur ein Plumpsklo und glücklicherweise auch eine kleine überdachte Stelle mit zwei Waschbecken und gerade ausreichend Platz zum Kochen. Fast direkt daneben liegt auch der Zeltplatz selbst, der aus nicht viel mehr als einer Wiese und ein paar Picknicktischen und -bänken besteht, die wir bei diesem Regen aber nicht unbedingt nutzen möchten.

Gang durchs Felslabyrinth.

Der Hunger macht sich nach dieser ersten Etappe auch schon stark bemerkbar und so bereiten wir in unserem kleinen Unterstand köstliche Spaghetti mit Fertigsauce und unterwegs gesammelten Pilzen zu, während um uns herum weiterhin Regen und Kälte wüten. Leider scheint unser Brenner – wie sich später herausstellt, wird er im Internet auch als „Festivalkocher“ beschrieben – nicht der beste zu sein und so dauert es eine halbe Ewigkeit, bis die Nudeln ansatzweise durch sind. Immerhin gibt es an der Überdachung eine besonders schmale Kante, die dort mit Sicherheit nur für Klimmzüge an den Fingerspitzen angebracht wurde, und so vertreiben sich die Kletterfanatiker unter uns die Wartezeit mit den unmöglichsten Übungen. Danach ist es aber auch höchste Zeit für die wohlverdiente Nachtruhe.

Weiterlesen: Island-Trekking #3: Im Bann des Dettifoss
         Zurück: Island-Trekking #1: Von Geysiren und heißen Quellen

Schreibe einen Kommentar

*