Island-Trekking #1: Von Geysiren und heißen Quellen

Bereits früh am morgen verlasse ich das Bus Hostel Reykjavík um am nahegelegenen BSI Busterminal den Hochlandbus zu erwischen, der mich über den vereinbarten Treffpunkt Hveravellir in die „Metropole“ des Nordens, Akureyri, bringen wird. Eigentlich hatte ich vorgehabt, auf der langen Fahrt ein bisschen Schlaf nachzuholen, doch schon vor den Toren von Reykjavík wird klar, dass auch die Landschaft unmittelbar um dieses Zentrum der Zivilisation, wenn davon denn in Island überhaupt die Rede sein kann, zu beeindruckend ist um sie schlafend zu durchqueren. Die Straße schlängelt sich durch charakteristisch hellgrüne moosüberwachsene Lavafelder, stellenweise sieht man Dampf aufsteigen und kleinere Erdwärmekraftwerke, die in Rohren heißes Wasser nach Reykjavik schicken. Vor Hveragerði fällt die Landschaft plötzlich steil ab und der Blick aufs Meer und die weite grüne Ebene wird frei, dazu herrlichster Sonnenschein, ein perfekter Start in den Island-Urlaub!

Der Geysir Strokkur: das Wasser schießt nach oben.

Der Geysir Strokkur: das Wasser schießt nach oben.

Die Fontäne bricht wieder zusammen.

Die Fontäne bricht wieder zusammen.

Nach einem Stopp unten in Hveragerði geht es weiter in Richtung Geysir. Je weiter der Bus ins Landesinnere vordringt, desto weniger Spuren menschlicher Besiedlung stören das wüste landschaftliche Panorama.
Am Geysir angekommen gibt es eine halbe Stunde Zeit für Fotos. Naturtourismus auf Ami-Art. Der Geysir Strokkur ist eigentlich nur der kleine Bruder des größeren, „originalen“ Geysirs unmittelbar in der Nähe, doch dieser ist kaum mehr aktiv. Der Strokkur hingegen schießt verlässlich im Abstand weniger Minuten Fontänen kochenden Wassers in die Luft. Durchaus ein schönes Schauspiel, das man sonst nicht häufig geboten bekommt.

Der nächste Zwischenstopp ist der mächtige Gullfoss-Wasserfall. Auch hier sammeln sich wieder Busladungen von Island-Reisenden, die sich die tosenden Wassermassen nicht entgehen lassen wollen. Doch dies ist natürlich nur ein Vorgeschmack auf den Dettifoss, den sogenannten leistungsstärksten Wasserfall Europas, der das Ziel der nächsten Wanderung sein wird.

Der Gullfoss.

Der Gullfoss.

Von nun an geht es stetig tiefer ins Hochland hinein, die Straße weicht irgendwann einer engen, teilweise steil sich windenden Schotterpiste und nun versteht man, warum der Bus eher wie ein großer Geländewagen aussieht. Leider verschlechtert sich das Wetter rapide: Die braune Geröllwüste, die wir jetzt durchqueren, ist gehüllt in graue Wolken und es regnet. Im Hintergrund sind schon die ersten Gletscher zu sehen, die bläulich-grau von den Bergen herabzufließen scheinen. Ein trostloses, aber dennoch schönes Bild. Allein die Busfahrt an sich ist definitiv ein sehr lohnendes Erlebnis und wenn man das vom täglichen Pendeln zur Uni/Arbeit auch behaupten könnte, wäre der Welt schon viel geholfen.

Obwohl ich bereits vor ein paar Stunden eine SMS an die beiden anderen Dudes geschickt habe, ist bis jetzt keine Antwort eingetroffen, was vielleicht an der eingeschränkten Netzabdeckung in der Wildnis liegt. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre Wanderung nach Plan abgeschlossen haben, ansonsten muss ich allein und womöglich ohne Kommunikationsmöglichkeit nach Akureyri weiterfahren.

Unterwegs auf der Hochlandpiste.

Unterwegs auf der Hochlandpiste.

Glücklicherweise stehen sie aber bei der Ankunft in Hveravellir tatsächlich schon gut sichtbar im Regen. Mittlerweile ist der Bus allerdings restlos voll und auch eine Diskussion mit dem Busfahrer, der über sehr eingeschränkte Englischkenntnisse verfügt, kann ihn nicht davon überzeugen, für eine eingeschworene Reisegruppe eine Ausnahme zu machen. Doch ein zusätzlicher Minibus aus Akureyri wird angefordert und so bleiben uns noch zwei Stunden, um Hveravellir zu erkunden. Das Highlight hier ist ein kleiner Rauchvulkan, der durch Schwefelablagerungen merkwürdig gelb-weißlich gefärbt ist. Außerdem gibt es zahlreiche dampfende heiße Quellen, wovon eine sogar zum Baden geeignet ist; nur bei diesem Dreckswetter ist keinem wirklich danach zumute. Ansonsten ist Hveravellir einfach eine kleine Hüttenansammlung mit Zeltplatz mitten im Nirgendwo. Im Haupthaus werden sogar richtige Speisen serviert; für Outdoor-Standards also ein Luxushotel mit Hotpool.

Heiße Quellen in Hveravellir.

Heiße Quellen in Hveravellir.

Als der Ersatzbus schließlich da ist, haben wir noch das Glück, einen wahren Menschenfreund in seinem Element zu erleben: Eine Gruppe Franzosen beginnt frecherweise mit dem Beladen des Gepäckanhängers, in dem naiven Glauben, dieser sei für die Allgemeinheit bestimmt. Da ist natürlich energisches Einschreiten der USA in Gestalt eines vitalen amerikanischen Radlers gefragt! „Get that out!“, schnauzt er, ist der Hänger doch (in seinen Augen) ausschließlich seinem Fahrrad vorbehalten, und macht sich eigenhändig an die Entladung der Rucksäcke dieser einfältigen Europäer… Nun ja, die Freundlichkeit in Person.

Auf der letzten Etappe nach Akureyri machen wir noch Bekanntschaft mit zwei israelischen Studenten, denen Max gleich stolz am Beispiel Reclam erklärt, wie man seine Reiselektüre gewichtsminimierend bei gleichzeitig maximaler Lesezeit zusammenstellt.
Am Ziel angekommen hat der Regen immer noch nicht ganz aufgehört und die Wolken hängen tief über der Stadt. Im Gegensatz zum Inland ist die Landschaft hier wieder grasbedeckt und grün.
Bei der Suche nach einem standesgemäßen Abendessen können gewisse Teile der Gruppe nur mit Mühe der Verlockung eines saftigen Walburgers widerstehen, doch selbst der schönste moralische Tabubruch ist diese astronomischen Preise nicht wert. So bleibt es doch bei der gewöhnlichen Rind-Variante und gut gesättigt erreichen wir im Dunklen den kleinen Campingplatz mitten in der Stadt.

Am nächsten Morgen bin ich als einziger früh wach und mache mich mangels Schläfrigkeit auf Erkundungstour durch Akureyri. In der Nähe des Campingplatzes gibt es einen kleinen botanischen Garten. Gut geeignet für einen kleinen Morgenspaziergang, aber vielleicht doch eher spannender für Leute mit gesteigertem Interesse an arktischen Pflanzen… Nun ja, den beiden Schlafsüchtigen entgeht jedenfalls leider der Rekord, den angeblich nördlichsten botanischen Garten der Welt besichtigt zu haben.

Später beim Essen auf dem Campingplatz treffen wir neben den Israelis und Franzosen auch unseren amerikanischen Freund wieder. Das inzwischen wieder sonnige Wetter hat ihm wohl positiv aufs Gemüt geschlagen und er grüßt sogar freundlich, während er sich für seine heutige Radtour fertig macht. Dann erzählt er süffisant, wie „effortless“ und „with a smile on my face“ er heute die Berge/Hügel hier mit dem Rad bezwingen wird; Profisportler ist er also auch noch!

Kirche in Akureyri.

Kirche in Akureyri.

Statt zu exzessiver Anstrengung nutzen wir den herrlichen Tag lieber zum Einkaufen von Vorräten (insbesondere proteinreichen Skyr und Trockenfisch für Muskelaufbau-Ambitionierte), einen Spaziergang durch den kleinen, aber doch recht hübschen Ort und natürlich die Auskostung der isländischen Badekultur! Wie auch Reiseführer immer wieder berichten, wird für Ausländer selbst in diesem kleinen Schwimmbad extra darauf hingewiesen, dass Duschen nur nackt gestattet ist – Einzelumkleiden sind auch nicht vorhanden. Sonst ist Nacktheit in der Öffentlichkeit ja meistens verboten, hier verbieten sie anscheinend das öffentliche Tragen von Kleidung… Das Freibad von Akureyri stellt sich jedenfalls als echter Geheimtipp heraus! Es sind kaum Touristen hier und es wird geradezu eine Wellness-Qualität geboten, für die man in Deutschland locker den fünffachen Preis zahlen würde, denn Schwimmbäder in Island werden staatlich subventioniert. So kann man sich hier durch eine Reihe von verschiedenen Becken probieren, vom Eiswasser bis zum wohltemperierten 40-Grad Hotpool, der einem so richtig schön alle Proteine denaturiert. Sauna ist natürlich auch inklusive. Danach fühlen sich selbst die isländischen Außentemperaturen wie im Mittelmeerurlaub an!

Weiterlesen: Island-Trekking #2: Auftakt des Abenteuers

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