Hebriden-Trekking #2: Bergsteigen auf Schottisch

Am nächsten Tag beginnen wir den Trek bei strahlendem Sonnenschein oder zumindest in Abwesenheit von Regen und mit einigen blauen Löchern. Wir folgen dem Wanderweg Richtung Norden, zunächst entlang eines Sees, wobei wir uns immer weiter von der Straße entfernen, auf der gerade ein Raser in seinem roten Möchtegern-Rennwagen mit abmontiertem Schalldämpfer seine Rundenbestzeit um die Insel verbessern will. Anders lassen sich sein mehrfaches Auftauchen und der wahnsinnige Lärmpegel jedenfalls kaum erklären. Zum Glück sind wir bald schon in der Hügellandschaft verschwunden. Der Pfad schlängelt sich nun durch unberührte Natur und so weit man blicken kann, erstreckt sich die bräunliche Heidevegetation. Kein Baum versperrt die Sicht, ein wenig erinnert die Szenerie an isländische Weiten. Die einzigen Spuren der Zivilisation sind ab und an auftauchende Wegweiser und einmal gibt es sogar eine Bank.

Einsamer Wegweiser.

Irgendwann erreicht der Wanderweg wieder eine kleine Straße und in der Nähe sind nun ein paar vereinzelte Häuser an der Küste, aber keine zugehörigen Menschen zu sehen. Typische Einsiedleridylle. Nachdem wir allerdings einen kleinen Anstieg auf die Hauptstraße absolviert haben, sind wir plötzlich umgeben von Mietwagentouristen, die hier auf einem Parkplatz den Ausblick genießen, bevor sie wieder in ihre Blechkisten steigen. Zum Glück müssen wir der Straße nur etwa 100 Meter folgen, dann geht es nach links wieder auf den Wanderweg.

Der schottische Boden ist eine einzige große Pfütze.

Bald erreichen wir ein paar kleine Seen, die Landmarke, ab der unsere eigentlich geplante Offroad-Tour anfängt. Auf unserer Karte haben wir eine vage Linie über die Gipfel westlich von uns eingezeichnet. Nun gilt es, unsere geplante Strecke auch im Gelände wiederzufinden, was zuerst Anlass zu Diskussionen gibt, da nicht alle Gipfel in der Ferne klar zu identifizieren sind. Wir machen uns einfach in westliche Richtung auf und marschieren durchs hohe Gras, ein wenig an der Flanke eines Hügels entlang ansteigend. Als wir ein wenig an Höhe gewonnen haben, lässt sich das Terrain besser überblicken und die Richtung für den nächsten Tag ist klar erkennbar. Wir befinden uns auf dem südlichen Rand eines Talkessels, der von fast allen Seiten von Hügeln umgeben ist. Unweit dieses Aussichtspunktes, von dem wir „unser“ Land, das wir am nächsten Tag umschreiten werden, komplett im Blick haben, gibt es auch einen Bach. Hier schlagen wir unser Zelt für die Nacht auf.

Für das Abendessen haben wir heimlich eine ganz besondere Spezialität mitgebracht: Klassiche Knorr-Erbswurst (gibts noch bei Amazon), die wohl älteste Fertignahrung, die man auf dem Markt noch findet (wurde bereits von der preußischen Armee eingesetzt!). Da gewisse Gruppenmitglieder trotz Hang zur Nostalgie dieses Erzeugnis deutscher Wertarbeit weniger zu schätzen wissen, gilt es, die Speise möglichst unbemerkt zuzubereiten. Als schließlich doch ein Blick in den Kochtopf gelingt, wird zunächst beschwichtigend behauptet, das Wasser sei eben etwas rostig gewesen, daher die gelbe Farbe (die in Wirklichkeit natürlich durch Auflösen der gelben Erbswurst-Tabletten entsteht). Der Bluff fliegt jedoch schnell auf, als die Erbswürste gesichtet werden. Die Begeisterung ist erwartungsgemäß nur mäßig. Allerdings geht der Streich nach hinten los, da wir zwecks Kalorienmaximierung ein sehr hochkonzentriertes Erbswurst-Wasser Verhältnis genommen haben, sodass das Geschmackserlebnis selbst für den größten Salzfan vielleicht ein bisschen zu intensiv ist. Das beweist aber noch nicht, dass Erbswürste bei richtiger Zubereitung nicht doch ein Hochgenuss sein können!

Als es dunkel geworden ist, erscheint ein mysteriöser Hubschrauber über dem Tal, der dort wohl zwanzig Minuten kreist und mit einem Scheinwerfer Stück für Stück das Tal absucht. Unser Zelt scheint er nicht zu entdecken, aber es ist doch rätselhaft, wer sich auf dieser gottverlassenen Insel mitten in der Nacht in den North Harris Hills herumtreiben soll. Wer weiß schon, welche Serienkiller hier auf der Flucht sind. Oder sollten wirklich wir das Ziel dieser Suche sein? Auf jeden Fall muss der Pilot irgendwann anscheinend erfolglos umkehren und wir haben unsere Ruhe, zumindest falls der Mörder uns nicht im Schlaf aufschlitzt.

Frühstück bei Topwetter.

Nachdem wir erstmal so richtig ausgeschlafen haben, dass fast der halbe Tag schon vorbei ist (wie es auf echten Trekkingdudes-Touren so üblich ist), beginnen wir die erste Gipfelbesteigung. Zunächst steigen wir auf eine vorgelagerte Kuppe an, auf der ein riesiges Steinmännchen klar den Weg markiert, was erstaunlich ist, da eigentlich kaum einer erkennbar ist. Von hier aus hat man schon einen wunderschönen Blick auf die karge Seenlandschaft im Norden.

Am Fuße des An Cliseam.

Direkt vor uns ragt nun der 799 Meter hohe (laut Karte) An Cliseam steil auf bis in die Wolken. Soweit man erkennen kann, ist der Gipfel teilweise schneebedeckt, doch es sieht von hier nicht so aus, als wären Steigeisen nötig; und notfalls kann man ja umkehren. Der Aufstieg gestaltet sich sehr mühevoll, da kein Weg vorhanden ist – bzw. nicht dort, wo wir ihn gern hätten – und wir uns das letzte Stück steil geradeaus über Schnee und Felsen hocharbeiten müssen. Schließlich stoßen wir knapp unter der Wolkengrenze auf eine wegähnliche gerade Fläche, die den Gipfel nordwärts umführt. Wir lassen das Gepäck hier und machen das finale Stück der Gipfelbesteigung von Norden aus, das jetzt ohne Gewicht auf dem Rücken kaum noch zehn Minuten dauert. Der mit einem Steinmann markierte Gipfel liegt natürlich vollständig im Nebel, was aber auch zur Atmosphäre beiträgt. Manchmal reißen die Wolken im starken Wind sogar so weit auf, dass man kurz bis zum Westufer der Insel gucken kann.

Aufstieg auf den An Cliseam.

Die Wolken hängen tief.

Auf Sonne folgt dichtes Schneetreiben.

Weiter geht es über einen Grat ein Stück abwärts und wieder hoch zum nächsten Gipfel. Mittlerweile haben sich die Wolken verdichtet und ein leichtes Schneetreiben beginnt. Endlich kommt mal wieder richtiges Schottland-Feeling auf! Die folgende Hügelkette ist daher leider aussichtstechnisch eher uninteressant, doch wir kämpfen uns tapfer durch die Wolken.
Am Ende des Tages werden wir dann doch noch mit strahlender Abendsonne belohnt, als wir den nördlichsten Berg (Mullach an Langa) der Hügelkette erreichen. Hier gibt es erstaunlich grüne Wiesen, wo anscheinend manchmal sogar Schafe grasen, wie an den Hinterlassenschaften zu erkennen ist. Das Gras leuchtet gelblich-grün in der tief stehenden Sonne; Zeit für eine entspannte Nachmittagspause.

Wenig später schlagen wir unser Zelt auf der Nordflanke des Berges auf, auf halbem Weg nach unten. Damit ist die Umrundung des Talkessels abgeschlossen. Die morgige Etappe können wir von hier aus auch bereits zu einem großen Teil überblicken: Richtung Norden schlängelt sich ein Fluss durchs Tal, der irgendwann auf das riesige Loch Langabhat trifft. Kurz davor verläuft quer ein Weg, zu dem wir uns entlang des Flusses durchschlagen wollen.

Zeltplatz mit Aussicht.

Fortsetzung folgt!

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